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Festbrennweite oder Zoom?

Prinzipiell bleibt es jedem vorbehalten, mit welchem Objektiv man seiner Leidenschaft nachgehen möchte. Gleichzeitig ist es aber auch sehr verständlich, dass gerade Neueinsteiger diese Frage stellen. Ist doch jegliches Objektiv mit einem finanziellen Aufwand verknüpft – da möchte man ja nur ungern einen Fehler machen.
Eine richtige Antwort gibt es zu diesem Thema nicht. Hauptsächlich ist die Antwort bereits vorprogrammiert: Ein Festbrennweiten-Fotograf sagt mit voller Überzeugung "Festbrennweite", ein Zoom-Nutzer natürlich "Zoom".

Ich fotografiere mittlerweile hauptsächlich mit Festbrennweiten. Somit wäre meine Antwort ebenfalls klar. Ganz so einfach möchte ich es mir hier in diesem Beitrag aber nicht machen, war doch mein Weg zur Festbrennweite ein wechselhafter und auch ich stellte mir bei fast jeder Neuanschaffung die gleiche Frage.

Interessanterweise begann es bei mir mit einer Festbrennweite. Vor langer langer Zeit schenkte mir mein Großvater seine nicht mehr von ihm genutzte Agfa. Wenn ich mich noch richtig erinnere, waren dass damals die Allerweltskameras. Gefühlt hatte jeder so eine - schön verpackt in einem angeschraubten Lederetui - während den Familienurlaubsreisen dominant um den Hals gehängt. 
Die Kamera im Vergleich zur heutigen Technik nicht gerade innovativ - aber ausreichend bestückt: Einstellmöglichkeit für Blende und Zeit, Filmtransport manuell, somit einfach auf das Wesentliche reduziert. 
Das Gewinde am Boden der Kamera wurde sicherlich zu 99,9% für das Anschrauben der Lederhülle genutzt - ein Stativ habe ich zur damaligen Zeit jedenfalls nie bei irgendjemandem gesehen.
Aber zurück: Diese und sämtliche anderen Kameras der damaligen Zeit waren Festbrennweiten. Das trifft auf die Agfa genauso zu, wie auf die gerne genutzten "Ritsch-Ratsch-Kameras", als auch die berühmte Polaroid.
Ich wüsste in meiner gedanklichen Retrospektive gar nicht wirklich, ob es überhaupt Anfang der 80er Jahre Zoom-Objektive gab.

Lange Zeit fotografierte ich mit den unterschiedlichsten Kameras. Leider gab es in den 90er Jahren einen etwas längeren Zeitrahmen, in dem ich mich eher anderen Themen widmete und somit das Fotografieren auf übliche Urlaubsbilder reduziert war.
Ein Urlaub vor etwa 20 Jahren war dann der Grund zum Wiedereinstieg: Ich stand eines Tages auf einem sehr hohen Tempel in Mexiko und ärgerte mich lautstark über die damals reduzierte Möglichkeit meiner Pocketkamera. 

Der Entschluss stand fest: Ich brauche wieder eine Spiegelreflex.


Die Marke spielte dabei für mich absolut keine Rolle. Das Recherchieren im heutigen Sinne war noch nicht möglich und es gab bis auf wenige Ausnahmen nur die beiden Platzhirsche Canon und Nikon. Ich hatte ein gewisses Budget zur Verfügung und wollte dafür einfach so viel wie nur irgendmöglich haben. Die Wahl fiel damals auf ein in meinen Augen kostengünstiges Set-Angebot von Canon: Eine EOS 300 mit zwei Objektiven. Damit konnte ich so ziemlich alles von 24mm bis 300mm abdecken.
Etwas später folgte dann noch ein etwas besseres Zoom-Objektiv von Sigma. Trotzdem: Erneut ein Zoom, denn zur damaligen Zeit war ich ebenfalls im Gedanken gefangen, Motive ohne jegliche körperliche Bewegung herholen zu können, wenn nicht gar zu müssen.
Ein zeitweiser Hang zur People-Fotografie und der eigene Drang nach etwas Neuem führte dazu, dass ich mir ein 85er/1,8 von Canon besorgte.
Lange Zeit war ich damit glücklich und zufrieden. Selbst mein dann aufblitzender Gedanke nach mehr Anspruch und der Wechsel zur Digitalfotografie (EOS 20D) konnte vorerst nichts daran ändern - wobei bei diesem Schwenk das 85er oft sein Dasein in der Fototasche fristen musste, da ich durch den Grop-Faktor plötzlich ein rechnerisches 135er hatte.
Eines Tages segnete mein Sigma-Lieblingsobjektiv das Zeitliche und ich stellte mir nicht nur die oben genannte Frage, sondern auch die Frage nach meiner weiteren fotografischen Vorgehensweise.
Nachdem ich im Notfall noch die beiden Kit-Objektive mein Eigen nennen konnte, ich aber mehr Wert auf Lichtstärke legen wollte, besorgte ich mir das 50mm/1,4-Objektiv von Canon.
Dennoch ertappte ich mich dabei, bei Wanderungen, Ausflügen, Reisen immer wieder auf die Zoom-Objektive zurück zu greifen. Scheinbar war ich noch nicht so weit.

Durch steigende Kenntnisse und einem sich ändernden Anspruch sank die Zufriedenheit mit den mittlerweile recht alten Kit-Objektiven. Selbst immer erfreut an Neuem, stöberte ich durch aktuelle Tests und malte mir in Gedanken schon die unterschiedlichsten Objektive aus. Lichtstarkes Zoom und Finanzen waren aber immer ein Widerspruch in sich. 
Ein Blick auf mein Equipment, ein kurzer Griff und schon machte ich mich mit dem 50er auf den Weg. 
Natürlich auf der 20D kein reinrassiges, da dieses ja durch den Crop-Faktor ein 85er geworden ist.
Nichts desto trotz ließ ich dies dran und machte mich ohne jegliche Alternative auf meine weiteren fotografischen Ausflüge. Bewusst alles andere daheim gelassen, konnte ich mich diesem uneingeschränkt widmen.

Dabei gab es einige Erkenntnisse:


1. Ich achte gezielter auf das Motiv und dessen Gestaltung.

2. Ich bewege mich, um den Sucher wie gewünscht mit dem Motiv zu füllen. 


3. Ich lasse mir mehr Zeit, bevor sich der Finger auf den Auslöser senkt.


4. In meinen Augen ist die Abbildungsqualität gestiegen.


5. Ganz wichtig: Ich lernte sehr schnell die unterschiedlichen Schärfeebenen der jeweils verwendeten Blendenstufe kennen, da es keinen differierenden Zoomfaktor gibt. 


6. Ergo: Erheblich mehr Sicherheit im manuellen Bereich der Kamera.


Schlussendlich habe ich mich in die Verwendung einer Festbrennweite verliebt. Lediglich der Crop-Faktor störte mich noch etwas.
Nachdem aber meine 20D schon in die Jahre ging, erfüllte ich mir einen Traum und legte mir vor einem guten Jahr eine Vollformatkamera, die Canon 6D, zu. 
Auf dieser nutze ich ausschließlich nur noch meine drei Festbrennweiten: das 50er zu über 95%, dann ab und an das 85er und für die ein oder andere Architekturfotografie ein Tilt-Shift, welches ich gleichzeitig als Weitwinkel verwende, falls mal (selten) ein Motiv danach schreit.

Selbst wenn ich nur das 50er hätte, wäre ich dennoch rundum zufrieden. In meinen Augen war dieses Objektiv ausschlaggebend, um den Weg vom Urlaubsknipser zum anspruchsvollen und ambitionierten Fotografen mit Hang zur Kunst ein zu schlagen.

Ach ja: Natürlich bleibt einem als Familienvater nichts übrig, als auch ab und an als "Knipser" zu agieren - aber selbst da ist das 50er ausreichend. 
Meine beiden Kit-Objektive werden nun vom Nachwuchs auf meiner alten 20D verwendet.

Somit siegt für mich die Festbrennweite und ich freue mich auf jede Meinung dazu.



Eine kleine Anekdote zum Schluss:

Eines Tages war ich mit mehreren Familien auf Wanderung und jemand sagte, ich soll doch mal die Kinder da hinten auf dem Berg fotografieren. Ich meinte, das Bild sieht dann nicht gut aus, weil die mit diesem Abstand fast nicht zu sehen sind.
"Aber dann Zoom sie halt her", schalte mir entgegen. 
"Sorry, aber ich kann nicht zoomen", entgegnete ich.
Die Antwort: "Wie? Du hast eine sauteure Kamera, und kannst nicht einmal zoomen? Das kann doch sogar meine kleine Billigkamera..."

Tja, was soll man da noch erwidern? Damit muss man wohl professionell umgehen :-)

In diesem Sinne noch viel gutes Licht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Yens Franke (Mittwoch, 17 Januar 2018 19:53)

    Hallo Jürgen,
    wie ich finde ein interessanter Blog, der einige der unterschiedlichen Aspekte bei der Fotografie mit einem Festbrennweite Objektiv gegenüber einem Telezoom-Objektiv gut veranschaulicht.
    Beste Grüße Yens