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Fotografieren, Wissen erweitern, aber keine Zeit?

Wenn man sein Gefallen an der Fotografie entdeckt, ist es wie bei vielen anderen Hobbies auch: Man fragt sich, wie man am Schnellsten sein Wissen erweitern kann und wie man überhaupt die notwendige Zeit dafür finden soll.
Neben dem Lesen von Fachmagazinen, Büchern und Entdecken von inspirativen Quellen ist es natürlich am Wichtigsten, so viel wie nur irgend möglich mit der eigenen Kamera zu üben.
Um einen Blick für das Motiv und für die Bildgestaltung zu bekommen ist es irrelevant, ob man sich mit seiner High-End-Kamera auf den Weg macht, oder einfach sein Smartphone mit integrierter Kamera verwendet.
Der Weg ist das Ziel, doch wo soll man sich zusätzliche Zeit aus den Rippen schneiden, um diesem Hobby gerecht zu werden?
Ich kann  natürlich nur von mir ausgehen und nehme aus diesem Grund meine eigenen Lebensumstände als Basis für diesen Artikel.
Fotografie ist ein Hobby. Im Gegensatz dazu steht ein Berufsleben als auch meine Rolle als Familienvater mit zwei Kindern und natürlich der dazugehörigen Frau.
Mein Arbeitsweg dauert einfach etwa eine Stunde, wodurch bereits an einem normalen Arbeitstag einfach mal 12 Stunden für das tägliche Brotverdienen verbraten sind.
Nebenbei habe ich noch einen Hund und ein weiteres, sehr intensives Hobby, die Literatur inklusive meiner dazugehörigen Webseite (hysterika.de).

Man kann sich nun zurücklehnen und sich selbst ein gutes Gewissen zureden, in dem man sich sagt, es geht einfach nicht, mich intensiv damit zu befassen.
Tja, fangen wir mal bei einem normalen Arbeitstag an:
Ich muss mit dem Auto etwa 15 bis 20 Minuten bis zu einem Park and Ride Platz fahren, bevor ich mich den öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen kann. Man kann nun im Auto das Radio oder eine CD anmachen und sich berieseln lassen. Man kann aber auch durch die heutigen technischen Mittel die Zeit nutzen um zum Beispiel einen Fotopodcast anzuhören. Dadurch sind schon einige Minuten dem Hobby und auch dem Wissensaufbau gewidmet. Ganz ohne zusätzlichen Stress.
In der U-Bahn bin ich immer wieder überrascht, wie viele Leute frustriert aus dem Fenster schauen. Ich persönlich nutze die gute halbe Stunde als meine private Zeit und lese ein Buch, wodurch ich in meinem anderen Hobby problemlos weiterkomme. Bezogen auf die Fotografie: Einfach fotografische Bücher, Magazine oder ähnliches lesen. Wer nicht gerne liest: Kopfhörer auf, Podcast anhören.
In der Arbeit habe ich das Glück, neben mir einen ebenfalls sehr enthusiastischen Fotografen sitzen zu haben. Dadurch ist es ein Leichtes, neue Ideen zu entwickeln, sich gegenseitig zu motivieren und sich dabei auch gegenseitig immer wieder hoch zu schaukeln. Reine Fachsimpelei, die ich nicht mehr missen möchte.
Ist natürlich ein Glück und nicht für jeden möglich – vielleicht findet sich aber dennoch irgendjemand im näheren Kreis, der sich auch diesem Hobby widmet. Einfach mal des Öfteren erwähnen. Man bekommt dann schon die Leidenschaften des Umkreises heraus.
Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, nutze ich erneut die Zeit mit einem Knopf im Ohr, mich von irgendwelchen Podcasts berieseln zu lassen. Wieder ohne zusätzlichen zeitlichen Aufwand etwas dazugelernt.
Ab und an habe ich Lust auf das ein oder andere Bild – es ist nur nichts weiter weg als die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen. Also schnapp ich mir erneut meinen Hund, nehme die Kameratasche mit und gehe eine andere Runde als sonst. Einfach mit dem Ziel, irgendetwas zu fotografieren. Sehr oft kommt dabei nichts Besonderes raus. Nichts desto trotz lernt man dadurch die Gepflogenheiten der eigenen Technik kennen. Man kann sich ohne jeglichen künstlerischen Fokus auf das eigentliche Fotografieren konzentrieren und mit verschiedenen Einstellungen spielen. Ganz egal, was dabei an Bildern herauskommt: Jeder Druck auf den Auslöseknopf und die nachträgliche Betrachtung des Ergebnisses sorgt für eine weitere Erkenntnis im Kosmos der Fotografie.
Man muss nur Gewohnheiten durchbrechen und darin eine Kleinigkeit abändern. Schon wächst das eigene Portfolio.
Das hier diesem Artikel angehängte Foto ist auf diese Weise entstanden. Ich hatte eine Idee, schnappte mir meinen Hund (geht auch ohne Hund) und ging mit ihr spazieren. Die ursprüngliche Idee hat leider nicht funktioniert. Ich wollte einen ganz bestimmten Schriftzug auf einem Gebäude sinnvoll und interessant ablichten. Gepasst hat aber weder das Licht noch die örtliche Möglichkeit, das Gebäude so abzulichten, wie ich es mir vorab in meinen Gedanken vorgestellt hatte.
Beim weiteren Weg – dezent frustriert - lichtete ich aber dennoch andere Motive ab. Eines davon ist dieses Flutlicht, welches fast ein „Knipser“-Bild ist, dennoch durch den trüben, einfarbigen Himmel perfekt gepasst hat.
Hätte ich die Kamera zu Hause gelassen, bzw. mich nur auf die Idee konzentriert, würde mir dieses Bild nicht vorliegen.
Oben genannter fotografischer Kollege ging sogar noch einen Schritt weiter: Er machte es sich zum Ziel, 50 Tage lang jeweils ein Foto mit seinem 50mm Objektiv zu machen und zu veröffentlichen. Eine klassische Projektarbeit sozusagen. Um dies überhaupt zu schaffen, nahm er einfach seine Kamera mit in die Arbeit Mittags spazierte er durch die Stadt und war fast immer erfolgreich. Nebenbei kommt man damit auch schön runter und man kann den Nachmittag mit neuer Kraft auf sich zukommen lassen.
Ich gehe mal davon aus, dass ihm dieses Projekt auch unwahrscheinlich viel in seiner neuentdeckten Leidenschaft weiter gebracht hat.

Freie Tage und Urlaub.

Ab und an gibt es Ausflüge und Urlaube. Für einen Familienvater mit ambitioniertem Fotografiehobby jedes Mal eine Herausforderung:
Möchte man sich bei einer Wanderung die Zeit nehmen, sich langwierig einem Motiv zu widmen, ertöhnt jedesmal der familiäre Gegenpol, der gelangweilt wartet, bis man endlich ein Foto im Kasten hat. Damit muss man einfach leben können und darüber hinwegsehen, damit der Familienfrieden gewahrt bleibt. Nach und nach nehmen aber auch die Familienmitglieder etwas mehr Rücksicht. Und selbst wenn man fast nur Zeit für ein, zwei Versuche hat, kommen doch bessere Bild heraus, als wenn man kurz die Kamera hochhebt und knipst. Klappt ziemlich gut. Im Laufe der Zeit habe ich dabei sogar gelernt, bei Langzeitbelichtungen nach Möglichkeit nur mit zwei, drei Versuchen zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Im Urlaub ist es natürlich genauso. Man möchte viel sehen, dabei aber auch gleichzeitig sich viel Zeit für Bilder der besonderen Art erlauben. Man hat ja Urlaub.
Ehrlich gesagt, klappt es hier doch recht gut. Jeder möchte auf seine Art „chillen“ und wenn man hier die richtige Kurve bekommt, dann lässt es sich auch leicht verknüpfen. Zum Beispiel ein Strand: Die Familie möchte sich einfach nur ausruhen, der Familienvater einige Langzeitbelichtungstests durchführen. Das eine schließt das andere doch nicht aus. Lass die Familie einfach die Zeit genießen und spiel dich mit deiner Kamera.
Spätestens, wenn man ihnen ein Fotobuch vor die Nase legt, in dem die Bilder erheblich mehr Wirkung aufweisen als die bisherigen Schnappschüsse, wird man als Fotograf akzeptiert und urplötzlich wird einem mehr Zeit zur Verfügung gestellt.
Eine klassische Win-Win-Situation.
Man darf nur nicht vergessen, ab und an auch die Mitglieder der Familie abzulichten. Aber das ist ja quasi ein kleiner Sprung in die People-Fotografie und schon lernt man wieder etwas dazu.
Im letzten Urlaub waren wir im Süden Englands und wohnten in der ersten Woche recht nah an dem sagenumwobenen Stonehenge. Natürlich wollte ich unbedingt ein tolles Bild von dieser weltbekannten Sehenswürdigkeit. Wer will das nicht? Macht man sich jedoch tagsüber auf den Weg nach Stonehenge, steht man vor zwei Problemen:
1. Möchte man nahe an die Steine, möchte jemand in meinen Augen verdammt viel Geld.
2. Zahlen von Punkt 1 bringt nichts, denn es tummeln sich dort gefühlt eine Million Menschen gleichzeitig und man hat definitiv keine Chance auf ein Bild ohne irgendwelche Touristen.

Lösung: Kurz gegoogelt, wie es denn mit den Öffnungszeiten aussieht. Es stellte sich heraus, dass so ab 19:00 bzw. 20:00 Stonehenge geschlossen ist. Also schnappte ich mir meine Kamera und machte mich auf den Weg. Die Familie war begeistert, da dies ja schon fast nach einem Abenteuer klang.
Es wurde immer dunkler und dunkler. Der Kamera ist das aber egal, es verlängert sich lediglich die dafür benötigte Belichtungszeit. Am Ziel angekommen stellt sich heraus, dass der Begrenzungszaun nicht allzu weit von der Sehenswürdigkeit entfernt ist und man dort auch ganz legal entlanggehen kann. Touris waren weit und breit keine zu sehen. Kamera aufstellen, lange Belichten. Ergebnis sieht man auf der Startseite dieser Homepage.
Gefallen hat dieser abendliche Ausflug der gesamten Familie. Stonehenge bekam durch die nächtliche Einsamkeit erheblich mehr Flair. Dieses Gefühl fehlt während dem täglichen Besucherwahnsinn.
Ich könnte hier nun noch eine Vielzahl an Beispielen aufführen. Aber ich denke, die Intention ist klar. Man kann sehr wohl durch das Durchbrechen von Gewohnheiten mehr Zeit für die fotografische Leidenschaft freischaufeln, ohne dabei in anderen Gebieten Zeit zu verlieren.

Selbst wenn man nur das Smartphone dabei hat, erlangt man neue Erkenntnisse, wenn man damit nicht einfach nur auf den Auslöser drückt, sondern sich ein ganz klein wenig Zeit nimmt, um den richtigen Bildausschnitt zu treffen. Man lernt damit sehr viel über die Wirkung von Bildern und achtet dann beim gezielten, fotografischen Ausflug noch mehr auf sämtliche Elemente, die sich im Sucher zeigen.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Mir ist über die Jahre aufgefallen, dass man auch ohne begleitende Kamera einen gänzlich anderen Blick für seine Umwelt bekommt. Mir geht es jedenfalls so, denn ich sehe überall um mich herum Motive und frage mich, ob dieser Ausschnitt so funktionieren kann oder ob sich hier das Fotografieren lohnen könnte.
Das hat sogar zur Folge, dass ich manchmal nach Ausflügen gefragt worden bin, wo ich denn dies oder jenes fotografiert habe. Interessanterweise hatten die Beteiligten manches Motiv einfach nicht gesehen. Allein dafür lohnt sich schon die Fotografie. Man erweitert auf einfachste Art seine Sichtweise.

Kurzum: Einfach dran bleiben, Leerlaufzeiten nutzen und in irgendeiner Art mindestens geistig verwerten.
Möge das Licht mit Euch sein.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal.

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Kommentare: 1
  • #1

    Yens (Freitag, 02 Februar 2018 11:31)

    ...gute Ideen um nicht nur sein Hobby, sondern auch die anderen wichtigen Dinge im Leben, wie Leidenschaft, Kunst und nicht zuletzt die Liebe besser im Alltag unterzubringen. Grüße Yens
    http://www.yensfranke.com