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Stehen wir uns im Weg?

Für mich selbst war es immer außerordentlich wichtig, die Bedienung meiner Kamera so gut wie möglich zu verstehen. Insbesondere der Weg vom automatischen Knipsen zum Einstellen des „Dreiecks“ Blende, Zeit und Iso bereitetet mir zwar früher manches Kopfzerbrechen, dennoch hielt ich es ebenso für essentiell in der Ausübung meines Hobbies.
Nun, nach erneuten zwei Wochen Urlaub mit einer fotografisch begeisterten Tochter frage ich mich ernsthaft, ob man sich hierbei als „alter Hase“ aus der Welt der analogen Fotografie nicht ein wenig selbst im Weg steht.
Vielleicht lässt sich dieses Denken einfach beiseite schieben und somit die Konzentration ausschließlich auf das Motiv richten?

So ganz sicher bin ich mir noch nicht – aber ich versuche meine Vater-Tochter-Erfahrung auf Basis der letzten beiden längeren Urlaube etwas detaillierter dar zu stellen:

Meine Tochter ist mit ihren 16 Jahren ein Kind der Smartphone-Generation. Unterstützt davon stellte sich aber auch ihre Leidenschaft zur Fotografie heraus. Als sie nun im letzten Jahr von mir meine altgediente Canon EOS 20D mit einem Kit-Objektiv zur Verfügung gestellt bekam, stellte ich relativ schnell fest, dass sie damit eher versucht, künstlerisch aktiv zu sein.
Quatschfotos und die unsäglichen 5 Millionen Selfies werden mit dem Smartphone gemacht und großzügig im Freundeskreis der sozialen Medien geteilt.
Die künstlerische Aktivität mit der dSLR wird dabei etwas gezielter geteilt – sie legte dafür sogar einen separaten „Fotografie“-Account an und achtet sehr stark auf die darin befindlichen Inhalte.
Allein dafür spricht meiner Meinung nach schon die dSLR bzw. eine "richtige" Kamera im Vergleich zum Smartphone.

Aber nun zur Vorgehensweise: Im letzten Jahr wurde die Kamera einfach nur in der Einstellung "Vollautomatik" verwendet. Somit wie ein Smartphone – dennoch mit einem sehr kreativen Auge auf das Motiv fokussiert.
Ich als selbsternannter Lehrer wollte meinem Nachwuchs natürlich sofort richtig das „Laufen“ beibringen und hob an, ihr irgendwas über Rohdaten, Iso, Blende, Zeit zu erzählen. Als einziges Feedback erhielt ich den Kommentar: „Was? Verstehe ich nicht. Interessiert mich nicht. Ich fotografier einfach.“
Nun gut, lass ich sie mal…
Im Laufe der Zeit kam nur ab und an eine Frage nach einer Funktion oder Möglichkeit.
Iso, Blende und Zeit waren immer noch kein Thema. Eher die Fragen in Richtung: „Wie kann man dies machen, wie kann man das machen…“ Sobald meine Erklärung zu viel Einstellungen zur Folge gehabt hätte, wurde darüber hinweg gegangen.
In diesem Jahr jedoch wollte sie durch die von mir gemachten Langzeitbelichtungen auch ein wenig in diese Spielart der Fotografie reinschnuppern.
Hier nahmen wir uns ausreichend Zeit, nutzten einen ND-Filter oder einfach die späte Stunde (der Filter war ihr dann schon wieder fast zu anstrengend, aber die Saat ist gelegt
J …).
Jetzt kam die Zeit ins Spiel. Die Kamera versuchte natürlich im Vollautomatikmodus alles zu übernehmen. Ist ja mit Stativ bis zu einer Belichtungszeit von 30 Sekunden kein Problem. Aber es wurde immer später und somit auch dunkler.
Nun kam der Moment, auf den ich lange warten musste: „Wie kann ich denn jetzt noch länger belichten?“
Schwupp, hier war endlich des Vaters Rat gefragt und gemeinsam wendeten wir uns dem Bulb-Modus zu.
Jetzt konnte sie weitere Versuche starten und spielte urplötzlich auch mit zeitlichen Vorgaben.

Anderer Tag - nächstes Thema: Die Unschärfe.

„Daddy, wie bekomme ich die Unschärfe in mein Bild? Gefällt mir nämlich sehr gut.“
Mein Herz hüpfte vor Freude und ich versuchte mich wieder in Blende usw., wurde aber bereits beim ersten Luftholen wieder eingebremst. Irgendwie wollte sie keinen Vortrag hören, sondern einfach machen. Das dann auch noch auf einfachste Art und Weise.
Okay, gehen wir mal langsam vor: Kamera auf Programmautomatik einstellen, kurz erklären und Tochter loslaufen lassen.
Ehrlich gesagt: Bereits nach einem Tag bewegte sie sich in diesem Modus erheblich schneller als ich damals dafür gebraucht hatte (irgendwie scheine ich auch heute noch länger darüber nachzudenken, welche Kombination ich nun verwenden soll, während sie einfach mehrere zeitgleich ausprobiert und sich das schönste Ergebnis merkt).
Ich hoffe natürlich weiterhin, dass diese kleinen Schritte der Wissenserweiterung noch weitergehen. Ich bin auch davon überzeugt, da ihr Interesse fast täglich zu steigen scheint.
Dennoch erkannte ich dabei auch, dass diese neue Generation irgendwie befreiter damit umgeht, als so ein alter Hase wie ich. Diese Generation lebt das digitale Zeitalter und ergeht sich einfach in einer Vielzahl an Versuchen, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Dabei soll die Technik unterstützen und nicht blockieren.

Sicher, sie kommt dann mit einigen tausend Bildern aus dem Urlaub nach Hause – aber mal ehrlich: Na und? Was nicht gefällt wird gelöscht. Ist ja kein 36er Film mehr, der auch noch was gekostet hat.

 

Machen wir alte Hasen es uns da manchmal zu schwer? Stehen wir uns im Weg? Oder sind wir dann doch die Fotografen mit den besseren Ergebnissen? Vielleicht einfach nur die mit den gleichen Ergebnissen, ohne so oft abgedrückt zu haben? Hätte das irgendeine Relevanz? Die Anzahl der Fotos zum gewünschten Ergebnis weiß ja nur der Fotograf selbst.

Fragen über Fragen.

Meine Lehre: Einfach weniger nachdenken, dafür öfter abdrücken…

P.S.: In einem Nebensatz sagte ich, sie solle doch mal den Zoom ihres Kitobjektivs während des Fotografierens schnell bewegen.
Ergebnis: Wunderschöne stimmungsvolle Bilder und innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl an Followern auf Instagram plus eine Anfrage eines Curators.

Alles ohne jegliches Wissen über Zeit / Blende / Iso???? WTF!!!!


Womit wir wieder bei der Lehre wären: Einfach weniger nachdenken, dafür öfter abdrücken und machen… 

Ich hoffe jedenfalls sehr, ein wenig dieser jugendlichen Leichtigkeit wieder aufbauen zu können.

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank (Donnerstag, 30 August 2018 19:39)

    Super Beitrag - tja irgenwann kommt Mann/ frau oder Kind and die grenzen den Auto Modus . Und dann sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt