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ÜbergangsGesellschaft - Fotografien von Bernd Cramer 1985-2019

2019
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
ISBN 978-3-96311-120-4
ca. 160 Seiten

Der Leipziger Fotograf Bernd Cramer setzt im vorliegenden Bildband laut Beschreibung das Grundgefühl anhaltender Verunsicherung in seiner Heimatregion ins Bild. Die Bilder sind zwischen 1985 und 2019 entstanden und „bieten eine eindrucksvolle Zusammenschau der instabilen Lebenslage Ostdeutscher zwischen der Endzeit der DDR und dem zögerlichen, mitunter krisenhaften Ankommen in der bundesdeutschen Gesellschaft. Es sind Bilder einer anhaltenden Übergangsgesellschaft.“
Diese Informationen sind nicht der Grund, warum ich die Gelegenheit nutzen wollte, eine Rezension über diesen Bildband veröffentlichen zu wollen.
Viel zu weit entfernt ist die Geschichte der ehemaligen DDR und dessen Übergang in das mir bekannte Land. Als ich mir darüber Gedanken machte – wozu ganz besonders dieser Bildband führte – stellte ich mit Entsetzen fest, dass dieses Ende der 80er „verschwundene“ Land in meinem Leben keine Rolle spielte. Dies liegt aber nicht nur daran, dass ich einer der „Wessis“ bin, sondern dass die DDR während meiner Schulzeit in den 70er und 80er Jahren in Bayern absolut keine Rolle spielte. Gut, wir lernten viel über Europa, die USA und natürlich einiges über das schreckliche Erbe des Dritten Reiches. Aber die DDR? Fehlanzeige. Somit war dieses Land für mich nichts weiter als ein schwarzer Fleck auf der Landkarte.
Gut, ein wenig wusste man: Endspiele wurden meistens in Berlin abgehalten, da dadurch schon mal sichergestellt war, dass nicht jeder beliebige Hooligan den Weg durch das gut abgesicherte Zwischenland problemlos überstand. Bei den ersten Demonstrationen bis hin zum Mauerfall hatten die Bürger mein absolutes Verständnis und ich hielt diese friedliche und trotzdem sehr wirkungsvolle Revolution unbeschreiblich. 
Kurz nach Mauerfall besuchte ich Dresden – selbst noch keine 20 Jahre alt, trotzdem durch eine Einladung auf der Suche nach einer Party. Tja, das waren meine ersten Berührungspunkte und mir war echt nicht bewusst, dass es sich dabei um eine nicht gerade kleine Stadt handelte. Die Party fand ich deswegen nicht – aber ich war um eine Erfahrung reicher und erkannte sehr deutlich, wie das Bildungssystem die Leute beeinflussen kann.
Nun, dies ist nicht Thema des Bildbandes von Bernd Cramer. Ich wollte dennoch ein wenig ausholen, da damit jedem Leser dieser Kritik bewusst sein sollte, dass mir der direkte Bezug zu der von Cramer abgelichteten „Übergangsgesellschaft“ fehlt.
Wie bei fast jedem Bildband gibt es ein Vorwort, in dem darauf hingewiesen wird, dass hierin jedes Bild für sich selbst spricht und alleine funktioniert. Mir stellte sich dabei sofort die Frage, ob das auch möglich ist, wenn man nichts aus dem eigenen Erfahrungsschatz beim Betrachten der Werke hinzufügen kann.
Ehrlich gesagt: Es funktioniert!
Bernd Cramer erzählt in diesem umfangreichen Bildband sehr geschickte seine Geschichten. Dabei geht er zeitlich unabhängig vor, um seine Aussage treffen zu können. 
Auf jeder Seite befindet sich nur ein einziges Bild. Im unteren Eck steht eine Jahresangabe und der Ort der Aufnahme. Somit wird man durch den Namen eines Bildes nicht in eine bestimmte gedankliche Ecke getrieben. In meinen Augen eine sehr gelungene Idee, die dafür sorgt, dass man sich ohne jeglichen Fremdeinfluss selbst seine Gedanken über das Bild machen muss. 
Weiterhin kann es sein, dass zwischen den beiden Bildern auf einer Doppelseite mehrere Jahre liegen – ab und an sogar von Neu zu Alt. Der Wert liegt hier in der Erzählung einer Story unter Verwendung von gerade mal zwei Bildern. Dies ist dem Bildautor absolut gut gelungen und lässt den Betrachter immer mal wieder diesen Band hervorholen, um sich neue Geschichten einfallen zu lassen.
Natürlich bekommen die Werke etwas mehr Dynamik in ihrer Erzählung, wenn man diese Welt der Übergangsgesellschaft selbst kennt, wenn nicht gar erlebt hat.
Nichts desto trotz funktioniert der gesamte Band auch bei einem hierbei unbedarften Betrachter, wie meine Wenigkeit.
Für mich sprechen die rundum schwarz-weissen Bilder, die zum Teil noch aus der analogen Welt der 80er kommen und problemlos eine Brücke bis zum Jahre 2019 schlagen.
Bereits das Cover erzählt eine Geschichte: Man erkennt eine Frau, die einen Aufzug betritt. Durch die gebeugte Haltung und das Festhalten stellen sich beim Betrachter bereits viele Fragen ein: Schmerzen? Niedergeschlagen? Oder schlicht angetrunken?
Es gibt Bilder, die auf einfachste Weise gegen Rassismus vorgehen. Bilder, den Menschen den Spiegel vorhalten. Bilder, die auf einfachste Art und Weise den Sinn oder die Sinnlosigkeit ihres Handelns darlegen. Witzige Bilder – traurige Werke. Cramer scheut vor nichts zurück und lässt wahrhaft seine Arbeiten für sich sprechen.
Trotz meines fehlenden Bezugs zum hervorgeholten Thema schaffte es dieser Bildband problemlos mich zu begeistern. Hier ist wahrhaft ein Fotograf unterwegs, der eher wie ein Schriftsteller wirkt und mit seinen Fotos ganze Romane vor des „Lesers“ Augen ausbreitet.
Wahrlich ein Band zum immer wieder hervorholen. Ich glaube, hier lässt sich bei jedem Betrachten etwas Neues entdecken. Dokumentarische Fotografie in scharz-weiß, wie man sie sich wirklich wünscht.
Jürgen Seibold/17.04.2019

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Kommentare: 1
  • #1

    Thierry Lubin (Mittwoch, 17 April 2019)

    Ich bin 2011 aus beruflichen Gründen nach Brandenburg gezogen. Seitdem habe ich, hauptsächlich aus dem Lehmstedt-Verlag, einige Bildbände von "DDR"-Fotografen/innen zugelegt. Die hauptsächlich sw-Aufnahmen haben mir viel von der Geschichte und aus dem Leben der Menschen erzählt. Vorher wusste ich auch wenig über die ehemalige DDR.
    VG Thierry